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Geschichtlicher Hintergrund
Argentinien 1976-82: Junta-Regime und "Verschwundene"
Argentinien blickte 1976 bereits auf eine Tradition von militärischen Staatsstreichen zurück, die sich seit 1930 aneinander reihten. Das grundsätzlich fehlende Vertrauen in die Demokratie - ähnlich der Weimarer Republik - war eine der Voraussetzungen für den Putsch.
General J. D. Perón, der nach einem Sieg der Peronisten aus dem Exil zurückkehrte, wurde 1973 zum Präsidenten gewählt. Nach seinem Tod im darauf folgenden Jahr übernahm Peróns Ehefrau Isabel die Regierung. Während ihrer Präsidentschaft verschlechterte sich die politische und wirtschaftliche Lage des Landes nochmals, was zu rapide steigenden Lebenshaltungskosten und zunehmenden terroristische Aktivitäten sowohl von rechten als auch linken Gruppen führte. Bereits während ihrer Amtszeit existierte eine Art von Geheimpolizei, die eine Reihe von Morden an Gewerkschaftlern und Politikern zu verantworten hatte.
Eine weitere Gruppe von Militärs um General Videla bereitete ab Oktober 1975 den Sturz der Präsidentin vor. Am 24. März 1976, als Isabel Perón mit einem Helikopter vom Regierungssitz ins Präsidentendomizil fliegen wollte, wurde sie in den militärischen Bezirk der Luftwaffe gebracht, verhaftet und ihrer Ämter enthoben.
Das Junta-Regime der Generäle Videla, Agosti und Massera ging mit Hilfe der Streitkräfte gegen jede Form des Widerstandes, politisch oder nicht, an. Presse- und Meinungsfreiheit wurden zu Leerformeln. Gegner - jeden Alters, politischer Überzeugung und sozialer Stellung - wurden diskriminiert, bedrängt, in illegale Gefängnisse verschleppt, gefoltert und umgebracht. Die Gefängnisstrukturen existierten versteckt unter der Erde in Buenos Aires und über ganz Argentinien verteilt.
In diesen Lagern wurden die Menschenrechte auf grausame Weise verletzt: paramilitärische Truppen funktionierten - im Namen des Kampfes gegen die "Subversion" - alte Werkstätten, ungenutzte Lagerhallen und Kellerräume von Polizeirevieren im Herzen der Stadt um in Zentren physischer und psychischer Folter. Die Verdächtigen wurden von den zuständigen Einheiten meist am Arbeitsplatz oder unter freiem Himmel - oft am helllichten Tag - aufgegriffen und "eingeliefert". Von außen wirkten Fassaden und Namen dieser Folterstätten unauffällig : Garage Olimpo ("Werkstatt Olimpo"), La Perla ("Die Perle"), Orletti Automotores ("Automotoren Orletti"), Club Atlético ("Athletic-Sport-Club"). Hinter ihnen verbargen sich tatsächlich aber Schreckenskammern - ein Abgrund ohne Rückkehr für schätzungsweise 30.000 Menschen. Während über ihren Köpfen das Leben normal weiterging, bestand die Normalität für die Inhaftierten aus Dunkelheit, Missbrauch und Gewalt. Für ihre Familien war es unmöglich, irgendetwas über sie und ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Viele dieser Verschwundenen, der "desaparecidos", machten schließlich ihre letzte Reise an Bord von argentinischen Militärflugzeugen. Um ihre Spuren zu verwischen, wurden sie von Soldaten aus der Ladeluke heraus ins Meer geworfen - dies gestand ein hoher Offizier 1998 im Radio.
Bis heute engagieren sich Organisationen und Gruppen von Angehörigen (Kinder: "H.I.J.O.S.", Mütter: "Madres de Plaza de Mayo" oder auch Großmütter: "Abuelas de Plaza de Mayo"), um Gewissheit zu finden. Es herrscht Uneinigkeit über die Anzahl der "desaparecidos", der während der Militärdiktatur verschwundenen Menschen. Offiziell ermittelte eine Untersuchungskommission 8.960 Verschwundene, die o.g. Organisationen gehen jedoch von 30.000 Personen aus, die bis heute vermisst werden.
Die meisten Opfer der Diktatur verschwanden in den ersten beiden Jahren. Während der Fußballweltmeisterschaft 1978 stand Argentinien im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Während auf deutschen Bildschirmen Udo Jürgens "Buenos Dias, Argentina" schmetterte, handelten die Generäle unauffällig, aber auch in dieser Zeit wurden Menschen verschleppt und gefoltert.
Der Übergang zu einer demokratischen Zivilregierung wurde nach der Niederlage im Krieg um die Falklandinseln eingeleitet. Die Militärregierung konnte nicht mehr von den starken innenpolitischen und wirtschaftlichen Problemen ablenken. Der erste Präsident der Demokratie, Raúl Alfonsin, setzte 1983 eine Untersuchungskommission ein. 1985 begann man, die Führer des Junta-Regimes vor Gericht zu stellen. Doch in den folgenden Jahren wurde eine Amnestiegesetzgebung durchgesetzt, durch die Strafverfolgungen zeitlich begrenzt und Militärs der unteren Ränge mit Rücksicht auf deren bloßen "Befehlsgehorsam" verschont wurden. Schließlich sorgte Carlos Menem, der nächste Präsident, dafür, dass selbst alle Verurteilungen von 1985 wieder aufgehoben wurden.
Einzige Hoffnungsschimmer für die Angehörigen der Opfer: die Entführung Minderjähriger und deren Identitätsvertuschung - unter falschem Namen wurden Kinder der "desaparecidos" adoptiert - sind nicht in Menems Begnadigung bedacht worden. Spanische Richter haben Anträge auf Auslieferung gestellt und die Exmilitärs wegen Völkermordes, Terrorismus und Folter angeklagt. Im März 2001 erklärte ein argentinischer Richter die Amnestie-Gesetze für verfassungswidrig. Der Kampf um Gerechtigkeit geht weiter, auch in Deutschland.
Elisabeth Käsemann: eine deutsche "Verschwundene"
Die Rahmenhandlung zu JUNTA ist eine wahre Geschichte. Ein berüchtigter Folterer und Mörder der Militärdiktatur in Argentinien von 1976-83 wurde von einer jungen argentinischen Widerstandskämpferin durch eine Bombe mit einem Druckzünder in die Luft gesprengt. Sie war die beste Freundin der Tochter dieses Militärs und hatte die Bombe unter dem Bett des Mörders versteckt. Daraufhin wurden Hunderte von jungen Argentiniern verhaftet und erlitten das gleiche Schicksal wie Maria im Film von Marco Bechis.
Hierzulande meist unbekannt ist die Tatsache, dass unter den 30 Tausend Verschwundenen und Ermordeten der argentinischen Diktatur auch etwa hundert Deutsche bzw. Deutschstämmige waren, von denen die damalige Regierung Schmidt/Genscher keinen retten konnte. Unter diesen traurigen Fällen diplomatischen Versagens, ist der Fall der deutschen Professorentochter Elisabeth Käsemann einer der erschütterndsten. Wie Maria in Junta, hat Elisabeth zunächst in den Armenvierteln von Buenos Aires versucht, den Menschen Lesen und Schreiben beizubringen. Später - als die Verfolgung immer furchtbarer wurde - schloß sie sich einer Widerstandsgruppe an und half, gefährdete Menschen außer Landes zu bringen, indem sie für diese Verfolgten Pässe fälschte. Nach ihrer Verhaftung wurde sie über viele Wochen gefoltert und am Ende ermordet.
Als alle deutschen diplomatischen Bemühungen, die junge Frau zu retten, scheitern, versucht Elisabeths Vater, der bekannte evangelische Theologe Professor Ernst Käsemann, sie verzweifelt mit 25.000 Dollar (damals immerhin 60 Tausend Mark) freizukaufen. Für dieses Geld bekam er jedoch nur die Leiche seiner Tochter. Wie das Schicksal von Maria im Film und Elisabeth Käsemann enden alle Fälle der deutschen Verschwundenen: tragisch.
Die Verbrechen der Militärs sind in Argentinien übrigens alle amnestiert - Folterer und Mörder sind heute freie Menschen. Deshalb klagen die Angehörigen von verschwundenen Deutschen jetzt in der Bundesrepublik gegen die Mörder ihrer Kinder. Erstes Ergebnis: Im Fall Elisabeth Käsemann hat ein deutsches Gericht inzwischen drei internationale Haftbefehle gegen hohe argentinische Militärs erlassen.
Frieder Wagner, Kölner Filmemacher
- Frieder Wagners Dokumentation zu diesem Thema, "VERSCHWÖRUNG DES SCHWEIGENS", wurde am 04. Juni 2003 von arte gezeigt -
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